Capoeira Ursprung-Landkarte Brasilien und Afrika

Vom Ursprung der Capoeira

Capoeira ist eine etwa 400 Jahre alte Kampfsportart mit Musik, Tanz, Gesang und Akrobatik, wobei einige Instrumente, Bewegungen und Akrobatiken erst mit der Zeit integriert wurden. Es gibt verschiedene Theorien zum Ursprung der Capoeira, wobei keine davon abschließend bewiesen werden kann. Sicher ist jedoch, dass Capoeira als Produkt des Sklavenhandels zwischen Brasilien und Afrika entstanden ist. Trotz der menschenunwürdigen Situation, ergaben sich die afrikanischen Sklaven nie dieser Ungerechtigkeit und kämpften für ihre Freiheit und die Wahrung ihrer Traditionen. Und daraus entstand die Capoeira, aus der Verschmelzung verschiedener afrikanischer Traditionen und als Zeichen des Widerstandes gegen die Sklaverei.

 

Woher kamen die Sklaven?

Die Portugiesen kamen bereits 1500 nach Brasilien. Danach blieb Brasilien für 322 Jahre eine portugiesische Kolonie. Nachdem sich die indigenen Völker als nicht geeignet für die Arbeit auf den Plantagen erwiesen hatten, bezogen die Portugiesen ihre Sklaven aus Afrika. Erste Sklaven aus Afrika kamen bereits in den 1530er Jahren nach Brasilien, um auf den Zuckerrohrplantagen zu arbeiten. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden etwa vier Millionen Afrikaner als Sklaven nach Brasilien gebracht. Davon ca. 25% nach Bahia (in die Region Recôncavo und Salvador). Die Sklaven kamen hauptsächlich in den Häfen von Salvador, Recife und Rio de Janeiro an.

In seiner Studie von 1946 unterschied der bahianische Historiker und ehemalige Gouverneur Bahias Luís Viana Filho vier Hauptzyklen der Einfuhr afrikanischer Sklaven, basierend auf Herkunft und Zeitraum der Sklaventransporte:

  1. Zyklus aus Guinea (16.Jh.)
  2. Zyklus aus Angola (Ende des 16.-18.Jh.)
  3. Zyklus von Costa da Mina und Golf von Benin (Mitte des 18.Jh. bis 1815)
  4. Illegalität (1816-1851)

1810 erfolgte das englische Verbot des Sklavenhandels, dem Portugal für den Bereich nördlich des Äquators zustimmte. Der Handel in Bahia mit Afrika südlich des Äquators blieb bestehen. Dieses portugiesische Privileg lief 1822 mit Brasiliens Unabhängigkeitserklärung aus: die Sklaventransporte galten nun als illegal. Ab 1830 stimmte die brasilianische Regierung dem Sklavenhandelsverbot zu, ohne jedoch die Sklaverei abzuschaffen, weshalb die weiteren Transporte bis 1850/1851 illegal erfolgten.

Die Sklaven entstammten verschiedenen afrikanischen Nationen, dabei hauptsächlich den folgenden Hauptgruppen:

  • Bantus aus Angola, dem Kongo und Mosambik
  • Sudanesen aus dem Sudan und vom Golf von Guinea inklusive Dahomey (dem heutigen Benin) und der Costa da Mina (eine Region des Golf von Guinea)

Damit gehen die Sklaven geographisch auf zwei Kulturregionen Afrikas zurück:

  • den westlichen zentralafrikanischen Raum mit den Bantu-Sprachen (Benue-Congo-Sprachen)
  • die Guinea-Küste inklusive Hinterland mit den Kwa-Sprachen der Akan-Gruppe, Ewe-Gruppe und Yoruba

Diese Gruppen wurden in den Senzalas (Sklavenunterkünfte der Plantagen) gemischt, so dass eine Verständigung untereinander schwierig war. Trotzdem gab es Revolten und entflohene Sklaven gründeten die Quilombos, bei denen es sich um unabhängige Dörfer im Hinterland handelte. Eine erste Dokumentation über solche Urwalddörfer stammt aus dem Jahre 1575 aus Bahia.

Die dänische Invasion (1624-1630) zur Vereinnahmung der portugiesischen Kolonie, besonders im Raum von Salvador und Recife, schwächte die Sicherheitssysteme der Städte und Plantagen, und bot damit vielen weiteren Sklaven die Möglichkeit zur Flucht.

Es gab mindestens zehn Haupt-Quilombos mit interner sozio-ökonomischer Organisation  und Handelsbeziehungen mit benachbarten Städten. Das bekannteste Quilombo Palmares bestand über 60 Jahre bis 1694 im Hinterland von Alagoas.

Trotz der Unterdrückung erhielten sich die afrikanischen Sklaven und ihre Nachkommen ihre eigene Kultur, wobei diese traditionell weiter praktiziert oder auch weiter entwickelt wurde. Denn sie durften ihre Religionen wie z.B. Candomblé ausüben und konnten so auch andere Rituale getarnt praktizieren.

 

Wie entstand Capoeira?: Ursprungstheorien

Da nach der Abschaffung der Sklaverei 1888 Ruy Barbosa veranlasste, alle Dokumente der Sklavenzeit 1890 zu verbrennen, gibt es keine sicheren Aussagen über die ersten 200 Jahre der Sklavenzeit und es ging damit auch wertvolles Material über Capoeira verloren. Die erste schriftliche Dokumentation bezüglich Capoeira stammt aus dem 18.Jh. (1789) aus dem Polizeiarchiv aus Rio, wobei es sich um einen Festnahmebericht über einen schwarzen Sklaven handelte, der festgenommen wurde, weil er ein Capoeira (ein Capoeira Ausübender) sei.

Der Nordosten Brasiliens, insbesondere Salvador wird im Allgemeinen als die Heimat von Capoeira betrachtet. Capoeira tauchte sicher schon zu früheren Zeiten an vielen Orten wie Bahia, Recife, Maranhão, Pará, São Paulo, Minas Gerais etc. auf, an denen sich Sklaven versammelten, um ihrer Heimat durch das Spiel von Trommeln, die Ausübung von Tänzen, Gesang und dem Lobpreisen ihrer Orixás (Götter des Candomblé) zu gedenken.

Trotz der menschenunwürdigen Situation, ergaben sie sich nie dieser Ungerechtigkeit und kämpften für ihre Freiheit und die Wahrung ihrer Traditionen. Und daraus entstand die Capoeira.

Es gibt verschiedene Theorien zum Ursprung der Capoeira, wobei keine davon abschließend bewiesen werden kann. Jedoch tragen alle zum Verständnis der Entstehung von Capoeira bei.
Sicher ist, dass Capoeira als Produkt des Sklavenhandels zwischen Brasilien und Afrika entstanden ist.

Beide Hauptstränge der Theorien sehen eigentlich den Ursprung der Capoeira in Afrika, wobei einerseits die Capoeira bereits in Afrika existieren sollte und durch die Sklaven nach Brasilien gebracht wurde, andererseits sei Capoeira erst in Brasilien entstanden, und zwar auf Basis der Vermischung verschiedener afrikanischer Traditionen.

 

1) Capoeira sei in Afrika entstanden und wurde mit den Sklaven nach Brasilien transportiert.

 

Ursprung der Capoeira liegt im afrikanischen Tanz N’golo

1967 wurde von dem Gelehrten Luís da Câmara Cascudo die Theorie in seinem Buch „Folclore do Brasil“ veröffentlicht, dass der N’golo die eigentliche Capoeira gewesen sei. Dabei bezieht er sich auf Informationen über den N’golo die er von Albano de Neves e Souza erhielt. Dieser, ein Künstler aus Angola, besuchte 1965 Brasilien und stellte dabei Ähnlichkeiten zwischen Capoeira Angola und diesem afrikanischen Tanz fest. Er kontaktierte Cascudo und informierte ihn über das Ritual des N’golo.

Nach 1967 wurde dann auch von Capoeiristas in Bahia inklusive Mestre Pastinha der N’golo als der Vorläufer von Capoeira Angola bezeichnet.

Es heißt, der Tanz N’golo (Tanz der Zebras), ein Ritual der Mukupe aus Angola, imitiert die Kampftaktiken der Zebras, aufgeführt von jungen Mukupe-Kriegern während der Enfundala (auch Efendula oder Efundula; „Efundula“ bedeutet sinngemäß „den Sand aufwirbeln beim Tanzen“), dem Ritual wenn die Mädchen den Rang zur Frau erhielten. Der Krieger, der sich am meisten hervortat, konnte eine Braut wählen, ohne dem Vater den Brautpreis zu zahlen.

Das Buch Unknown Capoeira Volume Two von Mestre Ricardo Cachorro beinhaltet einige interessante Erkenntnisse über den N’golo:

Gemäß der Beschreibungen von Professor Thomas J. Larson, der 1947-1948 einer Efundala des Bantu Kwanyama Stammes in Ovamboland/Namibia beiwohnte, präsentierten die Männer einzeln ihre körperlichen Fähigkeiten beim Tanz, der sehr akrobatisch war und oft aus Imitationen von Bewegungen von verschiedenen Tieren bestand, um die Aufmerksamkeit der Bräute zu gewinnen. Einzelne Capoeira-Elemente wie der Macaco (Affensprung) können daher in die Capoeira übernommen worden sein. Der Tanz beinhaltete aber keinen Kampf oder Wettstreit zwischen zwei Gegnern gleichzeitig im Kreis und war auch nicht nur auf die Bewegungen von Zebras beschränkt. Jedoch gab es auch Sprünge mit Fußtritten in der Luft, es wurde dazu getrommelt und die Leute im Kreis klatschten rhythmisch und sangen zur Musik.

Der Name „Tanz der Zebras“ kommt wohl eher von dem Ritual der Mädchen, die in einer Linie tanzen, wobei jede einen Fliegenwedel aus Zebraschwanz hoch hält oder der Bezeichnung der finalen Frisur der Braut, welche als iipando yuuwala wOngolo bezeichnet wird, aufgrund der gemischten Streifen, die den Streifen des Zebras ähneln.

Auch das Königreich von Angola war unter dem Namen N’Gola bekannt, so dass aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit vielleicht nur auf den Ursprung in Angola verwiesen werden sollte.

Nach der Theorie von Cascudo liegt also der Ursprung von Capoeira in Stammestraditionen aus Afrika, insbesondere dem N’Golo und wurde mit den Sklaven nach Brasilien transportiert und dort weiter zu Angriffs- und Verteidigungstechniken entwickelt.

Es ist durchaus möglich, dass einige Elemente der Efundula, ebenso wie auch Elemente anderer afrikanischer Traditionen, in die Capoeira-Entstehung mit eingingen, durch den Einfluss von Bantu Sklaven aus Kongo-Angola, welches die Ovamboland Region (welche heute in Süd-Angola und Nord-Namibia liegt) beinhaltet.

Die einzigartige Kunstform Capoeira läßt sich jedoch nicht außerhalb von Brasilien in dieser Form finden, auch nicht in Afrika, wo bis heute keine Forschung eine Capoeiraform entdecken konnte.

Es gibt in Afrika nur Tänze, Kämpfe und Spiele, die Capoeira ähnelten und die auch innerhalb eines Kreises ausgeführt wurden unter der Verwendung von Akrobatik, List, Tritten und Würfen, oft von Musik und Gesang begleitet.

Somit kann auch nicht der N’Golo als alleinige direkte Vorform der Capoeira bezeichnet werden.

 

2) Capoeira wurde von afrikanischen Sklaven in Brasilien kreiert, basierend auf afrikanischen Traditionen.

Waldeloir Rego verteidigt die These, dass Capoeira in Brasilien von den afro-brasilianischen Nachkommen entwickelt wurde. Damit unterstützt er die Theorie von Soares, der ebenfalls bereits der Meinung war, dass Capoeira eine Erfindung der afrikanischen Sklaven in Brasilien war, als ein Ergebnis der urbanen Sklaverei.

Somit sei Capoeira erst in Brasilien entstanden, als Vermischung verschiedener afrikanischer Rituale, Kampfspiele und Tänze. Als Basis könnten hierbei unter anderem N’golo und Bassula gedient haben.

Bassula bedeutet in Kimbundu „Rasteira“ (ein „Fußfeger“) und ist zudem der Name eines alten Kampfspieles der Fischer aus Luanda, der Hauptstadt von Angola. Das Ziel des Spieles bestand darin, den Gegner auf den Boden zu werfen.

Die Ansicht, dass Capoeira auf afrikanischen Wurzeln basiert und in der geschichtlichen Umgebung Brasiliens entstehen konnte, wird dadurch gestützt, dass Capoeira-ähnliche Formen auch in anderen Ländern entstanden, wo afrikanische Sklaven im Rahmen der afrikanischen Diaspora hingebracht wurden. Diese Traditionen vereinen ebenso Kampf, Spiel und Tanz zum Rhythmus von Trommeln und anderen Instrumenten und sind Charakteristika von Ritualen aus Afrika.

Dazu zählen z.B.:

  • Mouringue auf La Réunion
  • Ladja (Ag’ya) auf Martinique
  • Mani auf Cuba.

Der kampfartige Tanz Ag’ya beispielsweise wird wie Capoeira innerhalb eines Kreises ausgeführt und kombiniert Ginga-ähnliche Tanzschritte, akrobatische Bewegungen und Tritte, die der Meia lua de compasso, Armada und Queixada ähneln.

Bezüglich der Annahme der Entstehung von Capoeira in Brasilien gibt es verschiedene Untertheorien, die versuchen zu spezifizieren, wo genau Capoeira entstanden sein soll. Diese beziehen sich auf verschiedene Orte, an denen Sklaven zusammen treffen konnten, so dass aus der Vermischung ihrer verschiedenen Traditionen Capoeira entstehen konnte.

 

Capoeira entstand in den Senzalas

Eine wahrscheinliche Vermutung ist, dass Capoeira in den Senzalas entstand, den Sklavenunterkünften auf den brasilianischen Plantagen. Dort gab es eine Mischung von Sklaven aus verschiedenen Regionen Afrikas und somit mit verschiedenen Sprachen und Kulturen. Aus dieser Mischung unterschiedlicher afrikanischer Kampfkünste, Tänze, Rituale und Instrumente könnte sich die Capoeira entwickelt haben.

 

Capoeira entstand in den Quilombos

Augusto Ferreira sieht den Ursprung von Capoeira in den Quilombos wie Palmares als Mittel zur Bekämpfung der portugiesischen Sklaventreiber. Seiner Meinung nach entwickelten sich rudimentäre Kampfstile bereits in den Sklavenquartieren, jedoch erst in den Quilombos bildete sich daraus ein wirkungsvoller Kampfstil zur Verteidigung.

Durch die regelmäßige Zerstörung von Quilombos, wodurch sich die Bewohner in alle Richtungen zerstreuten und neue Quilombos gründeten oder sich anderen anschlossen, wurde Capoeira in große Teile des Landes verbreitet.

Sicher ist anzunehmen, dass Capoeira in den Quilombos existierte. Da es aber keine Dokumentation über die Verwendung in Quilombos gibt, ist unklar, ob es dort erst entstand, oder einfach nur effektiv als Verteidigungskampfart weiter entwickelt wurde.

 

Capoeira entstand auf einem Marktplatz in Rio de Janeiro

In der Straße Rua da Praia de D. Manoel gab es einen großen Vogelmarkt, wohin die Sklaven mit den Capoeiras (Bezeichnung für Holzkäfige, in denen sich Vögel befanden) mit Hühnern auf dem Kopf gingen. Capoeira sei aus den Sklavenspielen auf diesem Markt in Rio entstanden, die die Sklaven zum Zeitvertreib ausübten, wenn sie auf die Öffnung des Marktes warteten.

Diese Theorie stammt von Brasil Gerson und wurde von Nascentes akzeptiert sowie von Waldeloir Rego zitiert.

 

In jedem Fall fand die Entwicklung der Capoeira in Brasilien durch afrikanische Sklaven auf Basis West-Zentral-afrikanischer Traditionen, Rituale, Tänze und Kampfspiele statt. Capoeira besitzt somit afrikanische Wurzeln, reifte aber erst in Brasilien zu der Form aus, die wir heute als Capoeira kennen.

Dabei sei es sogar möglich, wie Nestor Capoeira in „Capoeira-Roots of the Dance-Fight-Game“ ausführt, dass die Entstehung verschiedener ähnlicher Capoeira-Formen in mehreren Regionen (wie Rio, Recife und Salvador) gleichzeitig stattgefunden hat. In Rio und Recife wurde Capoeira aber durch die Polizeiverfolgung um 1890 förmlich ausgelöscht und soll sich später wieder von Salvador aus in Form der Capoeira Angola und Capoeira Regional verbreitet haben.

 

 

Quellen:

  • Aniefre Essien: Capoeira Beyond Brazil – From a slave tradition to an international way of life; Blue Snake Books, 2008
  • Piero Onori: Sprechende Körper: Capoeira – ein afrobrasilianischer Kampftanz; Edition diá, 2. Auflage, 2002
  • Tiago de Oliveira Pinto: Capoeira, Samba, Candomblé – Afro-Brasilianische Musik im Recôncavo, Bahia; Museum für Völkerkunde Berlin, 1991
  • Mestre Ricardo Cachorro: Unknown Capoeira Volume Two – A history of the brazilian martial art; Blue Snake Books, 2012
  • Nestor Capoeira: Capoeira – Kampfkunst und Tanz aus Brasilien; Verlag Weinmann, 2. Auflage, 2000
  • Nestor Capoeira: Capoeira – Roots of the Dance-Fight-Game; Blue Snake Books, 2002
  • Pedro Abib: Mestres e Capoeiras famosos da Bahia; EDUFBA Salvador, 2009
  • Hellio Campos (Mestre Xaréu): Capoeira Regional: a escola de Mestre Bimba; EDUFBA Salvador, 2009
  • Bira Almeida (Mestre Acordeon): Capoeira – A brazilian art form – history, philosophy, and practice; Blue Snake Books, 1986
  • Dirk Hegmanns: Capoeira – Die Kultur des Widerstandes: Ein Lese- und Übungsbuch; Schmetterling Verlag, 2. Auflage, 1998
  • Gerard Taylor: Capoeira – The Jogo de Angola from Luanda to Cyberspace: Volume One; North Atlantic Books, 2005
  • http://www.bassula-capoeira.com/capoeira-bassula-c4.html
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Capoeira

 

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