Capoeira Liedarten

Die Seele der Capoeira: Liedarten einer Roda

Musik bildet die Grundlage für Capoeira und kreiert die besondere Stimmung einer Roda. Bestimmt hast du selbst schon in der Roda verschiedene Lieder gehört und gesungen und dabei gemerkt, dass es verschiedene Liedarten für verschiedene Momente gibt. Für einen Capoeirista ist es wichtig, diese zu kennen und in der Roda anwenden zu können.

 

Jede Roda besteht aus einer bestimmten Liedfolge, wobei es geringfügige Unterschiede zwischen den verschiedenen Capoeira Stilen Capoeira Angola, Capoeira Regional und Capoeira Contemporânea bezüglich der Verwendung der Lieder gibt.

Im Allgemeinen gibt es vier verschiedene Liedarten in der Capoeira:

  • Ladainha
  • Chula
  • Corrido
  • Quadra.

Alle haben ihre eigene Charakteristik, Funktion und verwendete Musikinstrumente. Oft sind Lieder bestimmten Toques am Berimbau (Rhythmus des Berimbau) zugeordnet.

Wie viele afrikanische Lieder funktionieren die Capoeira Lieder nach dem Frage-und-Antwort-Prinzip. Der Sänger beginnt, gefolgt von der Antwort des Chores (Chorus).

Die Capoeiralieder handeln oft von der Sklavenzeit, dem Befreiungskampf der Schwarzen aus der Sklaverei, der Macht der Gottheiten und von Geschichten und Heldentaten der Capoeiristas. Dabei finden sich historische und geographische Bezüge und die Lieder können sowohl Lobeshymnen als auch Spottgesänge darstellen.

Die meisten Lieder sind anonymer Herkunft, werden aber in fast allen Capoeira Schulen gelehrt.

Einige Mestres sind durch ihre Texte berühmt geworden.

Oft wird in einer Roda auch ein Text improvisiert oder ein Lied so abgewandelt, dass es zur Situation passt und damit die Stimmung der Roda wiedergibt, das Spiel und die Charaktere der Spieler beschreibt oder sich auf die Zuschauer bezieht.

Die Sprache in den Liedern umfasst neben dem Brasilianischen Portugiesisch auch Begriffe der afrikanischen Sprachen, oder einfach nur Lautmalereien und umgangssprachliche Redewendungen.

Da es oft keinen Reim gibt und nur Sprachfetzen der Umgangssprache verwendet werden, erschweren grammatikalische Unsauberheiten das Verständnis. Manchmal ist daher eine sinngemäße Interpretation besser als die direkte wörtliche Übersetzung, wobei immer auch etwas spekuliert werden muss, wenn die Bezüge von Worten und Grammatik nicht ganz stimmen und so verschiedene, teilweise gegensätzliche Bedeutungen möglich sind.

 

Ladainha

Die Ladainha (Litanei) wird überwiegend zum Beginn der Roda bei Capoeira Angola gesungen, zu den langsamen Toques Angola oder São Bento Grande de Angola. Es spielen zunächst nur drei Berimbaus, die übrigen Instrumente setzen nacheinander mit der sich anschließenden Chula ein: also zunächst Pandeiro, dann Agogô, Reco-reco und zuletzt die Atabaque.

Die übrigen Teilnehmer lauschen andächtig und voller Respekt und es wird noch nicht gespielt. Die ersten Spieler knien am Fuße des Berimbau mit gesenkten Köpfen.

Bei der Ladainha handelt es sich um einen langen Sologesang, in welchen den Teilnehmern eine Geschichte erzählt, eine moralische Botschaft vermittelt oder ein Ratschlag gegeben wird.

Darin preisen die Capoeiristas ihre Heimat oder Herkunft, oft werden Orte in Bahia zelebriert oder erzählen von bedeutenden Personen wie alten Meistern und Legenden der Capoeira Geschichte, bestimmten Ereignissen und persönlichen Erlebnissen.

Ladainhas können auch vor Ort improvisiert werden.

Die Ladainha wird teilweise als Spezialform des Lamento (Klagelied) angesehen, da ihre Form und der Rhythmus diesem entspricht. Sie wird als Lamento bezeichnet, wenn das Lied sehr traurig ist, oft wird dabei über die Sklaverei erzählt und darin etwas bedauert oder beklagt.

Ladainhas können zwei bis 20 oder mehr Zeilen umfassen, wobei Vierzeiler als Form verwendet werden und manchmal die erste Zeile wiederholt wird. Die Melodie ist bei allen Ladainhas abgesehen von wenigen Variationen fast immer dieselbe.

Die Ladainha wird zumeist von erfahrenen Capoeiristas oder Mestres gesungen. Dies kann einer der zwei Spieler sein, die zu Fuße des Berimbau auf das Spiel warten oder der Mestre der Roda, welcher die Gunga spielt (das tiefste Berimbau mit der größten Kalebasse, welches die Führung unter den Instrumenten hat).

Während der Roda wird an sich keine Ladainha mehr gesungen, es sei denn die Spieler sollen bewusst wieder zum Fuße des Berimbau zurück gerufen werden, wodurch die Roda sozusagen reinitiiert werden kann. Dies kann vorkommen, wenn der Mestre selbst spielt und davor noch am Fuß des Berimbau kniend eine Ladainha singt. Auch andere Gründe können zu einer Reinitiierung der Roda führen, z.B. wenn ein wichtiger Besucher ankommt.

Die Ladainha startet mit dem Ausruf „Iê“, welcher keine Bedeutung in Portugiesisch besitzt. In der Kikongo Sprache drückt dieser Ruf Freude oder einen Aufruf nach Aufmerksamkeit aus, welche der Sänger am Anfang und am Ende jedes Liedes zum Ausdruck bringt.

Die Ladainha endet mit „camará/camarado/camaradinho“, welches den Sinn der Gemeinschaft der Capoeiristas verdeutlicht, bevor das Lied in die Chula übergeht.

 

Chula

Die Ladainha geht meist nahtlos in die Chula über, welche die eigentliche Einleitung der Roda ist, die zur Vorbereitung auf den Kampf dient.

Die Chula wird auch als Louvação (Lobpreisung) oder Canto de entrada (Eingangslied) bezeichnet. Von Einigen wird die Chula nicht wirklich als eigene Liedform angesehen, sondern als das Ende der Ladainha oder als der Übergang zwischen Ladainha und Corridos.

Die Chula hat eine standardisierte Form, wobei sie aus einer Reihe von Frage-und-Antwort-Gesängen besteht. Der Chor wiederholt dabei die Zeilen des Sängers.

Der Sänger beginnt hierbei jede Zeile mit „Iê“. Der Chor wiederholt die Zeile und hängt das Wort „camará“ am Ende an.

 

Sänger: Iê, viva meu Mestre

Chorus: Iê, viva meu Mestre, camará

 

Mit dem Beginn der Chula dürfen alle verbleibenden Instrumente einsetzen. Die Melodie der Chula wird nicht variiert, ist also bei jeder Chula gleich.

Die Themen der Chula beziehen sich oft auf die vorher gesungene Ladainha. Sie ist als Huldigung des Gottes bzw. Schutzheiligen (Orixá) des jeweiligen Capoeiristas und seines Meisters zu verstehen. Zudem kann man in den Versen alles nennen, was einem bedeutsam erscheint. Somit kann die Chula ein Gebet zu den Göttern, Grüße an berühmte Lehrer, Herausforderungen und Warnungen, sowie Einladungen beinhalten.

Typische Zeilen, die in einer Chula verwendet werden, sind z.B.:

Iê viva meu Deus
Iê viva meu Deus, camará

Iê viva meu Mestre
Iê viva meu Mestre, camará

Iê quem me ensinou
Iê quem me ensinou, camará

Iê a capoeira
Iê a capoeira, camará

Iê o galo cantou
Iê o galo cantou, camará

Iê cocoroco
Iê cocoroco, camará

Iê vamos embora
Iê vamos embora, camará

Iê pro mundo afora
Iê pro mundo afora, camará

Iê é hora é hora
Iê é hora é hora, camará

Iê volta do mundo
Iê volta do mundo, camará

Das Signal für den Spielstart ist häufig die Zeile „volta do mundo“.

Oft werden die Huldigungen mit Körpergesten unterstützt. So werden in einem Gott preisenden Lied die Hände hoch und zu den Seiten gehoben, bei der Referenz an Lehrer wird auf ihn gezeigt, wenn er anwesend ist oder zum Himmel, wenn er tot ist (oder zu einem Bild von ihm).

Die Chula kann ebenso Improvisation beinhalten, weshalb es wichtig ist, dem Sänger gut zuzuhören, um den Chorus richtig singen zu können.

 

Corrido

Mit den Corridos starten die Capoeiristas das Spiel, die zuvor zu Fuße des Berimbau gewartet haben. Corridos begleiten bei allen Capoeira-Stilarten das Spiel während der Roda, bis eine andere Ladainha angestimmt wird und die Roda neu gestartet wird, wobei je nach Capoeira-Stilart bevorzugt verschiedene Lieder gesungen werden können.

Corrido leitet sich von dem Verb „correr“ (rennen) ab. Corridos können verschiedene Formen und Längen haben, aber alle sind durch das Frage-und-Antwort-Prinzip gekennzeichnet.

Bei den Corridos sind alle vorhandenen Instrumente im Einsatz und der Rhythmus richtet sich nach dem Berimbau. Corridos können zu jedem Toque während der Roda gesungen werden, die typischerweise von Gesang begleitet werden, z.B. Banguela, São Bento Grande und São Bento Pequeno. Zu Iúna oder Cavalaria  wird nicht gesungen.

Der Sänger kann fest stehende Lieder aber auch Improvisationen singen, in dem er das Spiel kommentiert oder den Spielern Hinweise gibt. Dabei wechseln die Sängerzeilen, aber der Chor antwortet immer mit demselben Refrain. Der Chorus muss hierbei nicht direkt einen Bezug zu den Worten des Sängers haben. Auf den Chorus wird oft dadurch hingewiesen, dass er als die ersten Zeilen des Liedes verwendet wird.

Die Corridos sind an keine feste Reihenfolge gebunden. Einige richten sich direkt an die Spieler, andere sollen nur eine Stimmung erzeugen oder verstärken. Somit interagieren die Corridos mit der Aktion in der Roda, wobei direkt das Spiel kommentiert werden kann durch Aufrufe zu Aktivitäten oder einer bestimmten Art zu spielen oder Warnungen, es können aber auch Geschichten erzählt und moralische Werte vermittelt werden.

Somit ist es wichtig, darauf zu achten, passende Lieder zu den richtigen Momenten in der Roda zu bringen. Dafür gilt es ein Gefühl zu entwickeln. Ein Lied, welches die Spieler zu schnellerem Spiel auffordert ist vielleicht nicht so geeignet für den Anfang einer Roda, wenn sich das Spiel erst aufwärmt.

Daher ist es empfehlenswert, nicht nur die eigenen Lieblingslieder, sondern Lieder für verschiedene Anlässe und mit verschiedenen Aussagen zu lernen. Dafür eignen sich auch viele der traditionelleren Lieder, die nur kurze Strophenteile haben und so durch die häufigere Interaktion mit dem Chor zu mehr Energie in der Roda führen.

Zudem ist es auch wichtig zu wissen, welche Lieder zu welchem Toque passen, da nicht alle Lieder bei jedem Tempo und somit zu jedem Berimbau-Rhythmus gesungen werden können.

 

Weiterhin werden spezielle Lieder dazu verwendet, die Roda zu beginnen oder zu schließen.

Zum Ausklingen der Roda werden oft sogenannte Despedidas verwendet, wie z.B. „Boa viagem/Adeus, adeus“.

Diese gehen oft mit gruppenspezifischen rituellen Prozessionen einher. Die Teilnehmer stehen oder können rumspringen oder es wird im Kreis gelaufen. Die Prozession kann auch den Kreis verlassen und in einer einzelnen Linie umher laufen. Zu der Zeit kann das Spiel nicht mehr gekauft werden (Ablösung eines Spielers durch in die Roda gehen, wobei ein Arm in die Roda gestreckt wird und die Handfläche dem Spieler zugewandt ist, mit dem weiter gespielt werden soll).

Andererseits oder nach der Despedida kann die Roda mit Samba de Roda enden.

 

Quadra

In der Capoeira Regional wurde die Ladainha von Mestre Bimba durch die Quadra ersetzt, da diese besser zu den schnelleren Rhythmen der Capoeira Regional passt. Mestre Bimba hat auch gern eine Roda mit Cantigas de Sotaque begonnen, worin sich die Spieler gegenseitig in improvisierten Versen herausforderten.

Die Quadra ist kürzer als eine Ladainha. In Quadra steckt das Wort „Quadrat“. Somit sind Quadras nur vier Zeilen lang, reimen sich und können auch mit „Iê“ starten und enden mit „camerá“.

Dazu spielt im Allgemeinen nur ein Berimbau, meist den Toque Banguela oder São Bento Grande. Traditionell bei Capoeira Regional setzen dann die zwei Pandeiros mit der Chula ein.

Ein weiterer Unterschied zwischen Ladainha und Quadra ist, dass die Melodie der Quadra nicht einer Standardmelodie entspricht und damit in stärkerem Maße variiert werden kann.

 

Beispiel:

Menino quem foi seu mestre?

Meu mestre foi meu irmão

Foi discípulo que aprende

Foi mestre que deu lição, camará

 

Der Inhalt der Verse beruht auf der Kreativität des Sängers bzw. Verfassers. Es kann darin über Capoeira Legenden, wichtige Persönlichkeiten der Capoeira oder Geschichtliches berichtet werden. Ebenso kann sich darin über einen Mitspieler lustig gemacht oder jemandem ein Denkzettel verpasst werden.

Als Quadras werden auch Corridos bezeichnet, die aus Strophen mit vier Zeilen bestehen, gefolgt von einem Chorus. Diese Quadras werden in der Capoeira Regional verwendet und können thematisch die Bandbreite der Corridos umfassen aber auch improvisiert werden.

 

Durch die Einflüsse von lokalen und populären Musikstilen und die generelle Entwicklung der Capoeira in der heutigen Zeit, ändert sich teilweise auch die Interpretation von Capoeira Liedarten. Vor allem von der jüngeren Generation der Mestres, besonders in den Capoeira Contemporânea Schulen, werden häufiger nicht-traditionelle Lieder geschrieben.

Auch die Reihenfolge der Liedarten in der Roda kann je nach Gruppe und Region unterschiedlich zum Einsatz kommen.

Wie heißt es doch so schön: die Capoeira hat viele Wahrheiten!

 

 

Quellen:

  • Piero Onori: Sprechende Körper: Capoeira – ein afrobrasilianischer Kampftanz; Edition diá, 2. Auflage, 2002
  • Dirk Hegmanns: Capoeira – Die Kultur des Widerstandes: Ein Lese- und Übungsbuch; Schmetterling Verlag, 2. Auflage, 1998
  • Maya Talmon-Chvaicer: The Hidden History of Capoeira – A Collision of Cultures in the Brazilian Battle Dance; University of Texas Press, 1. Auflage 2008
  • Michael Vas (Mestre Cigano): Capoeira Guide; Verlag pietsch, 1. Auflage 2016
  • Kevin Jackson: Capoeira Africana; Reach Publishers, 2005
  • Emília Biancardi: Raízes Musícaís da Bahia – The Musical Roots of Bahia; Salvador – Bahia, 2006
  • Juan Diego Díaz Meneses: Analysis and proposed organization of the Capoeira song repertoire; Ensayos: Historia y Teoría del Arte; núm. 11 (2006)
  • Matthias Röhrig Assunção: History and Memory in Capoeira songs from Bahia, Brazil; Kapitel 9 in: Cultures of the lusophone black atlantic; Palgrave Macmillan, 2007
  • https://en.wikipedia.org/wiki/Capoeira_music
  • http://www.capoeira.de/musik/gesangs-stile/
  • https://capoeiraaltoastral.wordpress.com/sobre-capoeira/canticos/
  • http://capoeira-connection.com/capoeira/2011/10/what-types-of-songs-are-sung-in-capoeira/

 

3 thoughts on “Die Seele der Capoeira: Liedarten einer Roda

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.