Das Lied des Kolibris-Rezension

Das Lied des Kolibris

Ich habe letztens dieses Buch von Ana Veloso entdeckt, welches mich durch seinen mitreißenden Schreibstil und die lebendige Darstellung der Charaktere schnell in das Leben in Bahia im Jahre 1763 entführt hat.
Neben Einblicken in den Alltag auf einer Zuckerrohrplantage, erfährt der Leser ebenso etwas über das Schicksal einer Sklavin beginnend in Afrika, gefolgt von der Überfahrt auf dem Sklavenschiff sowie den Herausforderungen des nachfolgenden Lebens als Sklavin in Brasilien. Ebenso werden die Flucht von Sklaven und deren Versuch des Überlebens im Schutz eines Quilombo und die damit verbundenen Schwierigkeiten thematisiert.

 

Die 18-jährige Lua wurde auf der Zuckerrohrplantage São Fidélio geboren, welche sich im Umland von Salvador befindet und lebt dort als Haussklavin. Sie kennt kein anderes Leben und ist mit ihrem Dasein und mit den Privilegien der Haussklaven recht zufrieden.
Obwohl es für Sklaven verboten ist, kann Lua lesen und schreiben, weshalb sie ihr Geheimnis streng behütet. Sie lernte beides durch die stille, aufmerksame Anwesenheit im Raum während ihre junge Herrin unterrichtet wurde.
Eines Tages tritt Imaculada an sie heran, eine alte Sklavin, die noch direkt aus Afrika stammt und auf einem Sklavenschiff 1705 von Angola nach Brasilien gebracht worden ist und bittet sie, ihre Geschichte aufzuschreiben, da sie überzeugt ist, bald sterben zu müssen.
Lua hat sich bis dahin nicht viel für die Geschichte ihrer Ahnen interessiert, wird aber von der Lebensgeschichte Kasindas, wie der afrikanische Name von Imaculada lautet, in ihren Bann gezogen.
Und mit dieser Geschichte verändert sich nach und nach auch ihre Ansicht gegenüber der Sklaverei und in ihr wird das Bedürfnis nach der Freiheit geweckt, über ihr Leben selbst bestimmen zu dürfen.

Der Sklave Zé war zunächst im Besitz eines benachbarten Plantagenbesitzers und wurde dann der jungen Herrin von São Fidélio als Verlobungsgeschenk vermacht.
Bereits bei seinem ersten Besuch auf der Plantage, lassen sich die Capoeirakünste von Zé erahnen, als beschrieben wird, wie er durch einen akrobatischen Tritt, einem Stallknecht die Peitsche aus der Hand schlägt, als dieser die Pferde nicht respektvoll genug versorgen wollte.
Als der Sklave Zé auf die Plantage kommt, ist Lua ganz hingerissen von diesem. Zé träumt jedoch von einem Leben in Freiheit.
Lua und Zé kommen sich näher, doch dann gelingt Zé die Flucht und er gründet das Quilombo Liberdade (Freiheit), in dem er hofft, in der Zukunft frei mit Lua leben zu können.

 

Einblicke in das Leben von Herren und Sklaven in Bahia im 18. Jh.

Dieser Roman vermittelt ein sehr lebendiges Bild des Alltags einer Zuckerrohrplantage, die typischerweise aus Herrenhaus (Casa Grande), Nutzgebäuden und Sklaventrakt (Senzala) besteht. São Fidélio wird hierbei etwa von 200 Personen bewohnt, darunter nur fünf Personen mit weißer Haut.

Interessant ist auch, den Unterschied zwischen Sklaven aus Afrika und denen, die in der Sklaverei geboren wurden wahrzunehmen. Die meisten bereits in Brasilien geborenen Sklaven haben wie die weißen Herren auch Angst vor den afrikanischen Ritualen, die sie nicht mehr kennen und verstehen, da es den Sklaven auf den Plantagen verboten war, ihre afrikanischen Sprachen und Namen zu verwenden sowie afrikanische Bräuche auszuüben.

Wie die Autobiographie von Baquaqua verdeutlichen die Schilderungen Kasindas ebenso das Leben in Afrika, die Verhältnisse auf einem Sklavenschiff und den Umgang mit den Sklaven in Brasilien.
Auch Kasinda wurde aufgrund von Neid bezüglich ihrer Stellung und ihres Ansehens an Menschenhändler verraten, in ihrem Fall sogar von der eigenen Schwester.

Im Rahmen der Entstehung von Capoeira wird oft auf die Quilombos, die von Sklaven im unzugänglichen Urwald gegründeten Dörfer, Bezug genommen. In dem Buch von Ana Veloso bekommt der Leser einen Eindruck davon, wie beschwerlich so eine Gründung und Bewirtschaftung eines Quilombos in der Realität gewesen sein muss. Denn fern der Zivilisation galt es sich vollständig selbst zu versorgen und die Beschaffung notwendiger Materialien oder besonderer, zuvor in den Senzalas oft alltäglicher Lebensmittel stellte ein großes Risiko der Entdeckung dar.

 

Ich finde dieses Buch sehr lesenswert für Capoeiristas, da dieses Buch das Verständnis für die damalige Zeit anhand einer spannenden Geschichte basierend auf den Erlebnissen von Kasinda, Lua und Zé vermittelt. Dabei wird das Gesellschaftsbild auch um die Einsicht in das Leben der Herrschaften erweitert.
Ich hoffe, ich konnte euch neugierig auf dieses Buch machen und wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

 

2 thoughts on “Das Lied des Kolibris

  1. Das Buch klingt wirklich interessant, werde mal Ausschau halten =)
    Ich hab schon einige Bücher von Ana Veloso gelesen, und aus allen habe ich irgendwas zur brasilianischen Geschichte mitgenommen, mal ging es um das Ende der Sklaverei, mal um das Leben auf den Fazendas, mal um Politik.
    Man bekommt wirklich einen anderen Einblick, als wenn man sich irgendwelche Geschichtstexte durchliest. Ich kann die Bücher auch jedem Brasilien-Interessierten empfehlen, von dem Wissen bleibt einfach viel mehr hängen.
    Liebe Grüße!

    1. Ich kann dir nur zustimmen! Man nimmt viel nebenbei aus derartigen Büchern mit und hat dabei noch eine angenehme Lektüre!
      Ich habe mich auch schon von einer deiner Rezensionen dazu inspirieren lassen, ein weiteres Buch von Ana Veloso zu lesen 🙂

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